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EKD-Ratsvorsitzender fordert mehr Gespräche zwischen Ost und West

Bedford-Strohm: "Wir haben noch überhaupt nichts aufgearbeitet"

Heinrich Bedford-Strohm
03.10.2019 ǀ Berlin.  Die friedliche Revolution in der DDR nahm ihren Anfang auch in der evangelischen Kirche. Im Gespräch spricht der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, über die damalige Rolle der Kirchen, die Wiedervereinigung der Protestanten - und welche Einheitsprobleme es bis heute in Gesellschaft und Kirche gibt.

Am 9. November jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Wie haben Sie die damaligen Ereignisse erlebt?   

 Bedford-Strohm: Am Tag der Maueröffnung war ich mit meiner Frau bei einem Seminar im Schwarzwald zum Thema "Ehe/Beziehungskiste DDR/BRD". Dort haben wir "Die Legende von Paul und Paula gesehen", den bekanntesten DDR-Liebesfilm. Danach gingen wir in den Tagungsraum, wo schon alle vor dem Fernseher saßen. Wir konnten kaum glauben, dass die Mauer gefallen war.

Haben Sie geahnt, dass es bald vorbei sein würde mit der DDR?   

 Bedford-Strohm: Natürlich habe ich die Dynamik nicht erst an diesem Tag wahrgenommen. Die Grenze von Ungarn nach Österreich war offen. Es war klar, dass sich etwas ändert. Aber dass alles so schnell und drastisch kommen würde, hatte ich nicht erwartet. Heute wissen wir, dass damals viele Elemente zusammenkamen. Das kann auch für heute Hoffnung machen: Dinge können möglich werden, die man für unmöglich gehalten hat.

Eines der Elemente war das Engagement der Kirchen. Sie haben damals ihre Türen für die Opposition geöffnet. Viele Pfarrer wurden zu Bürgerrechtlern und nach der Wiedervereinigung zu Politikern. War es eine protestantische Revolution?   

 Bedford-Strohm: Es war auch eine protestantische Revolution, aber natürlich nicht nur. Viele Menschen haben die evangelische Kirche als Raum für Protest erkannt, der bei ihnen aber ganz unterschiedliche Motive hatte. Prägende Figuren der friedlichen Revolution wie der frühere Erfurter Propst Heino Falcke waren Pfarrer. Dazu kam der konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, der auch in der DDR starken Anklang fand. Und auch dass es eine gewaltfreie Revolution war, ist den Kirchen zu verdanken.

Hatten Sie Kontakt zu Menschen in der DDR oder zu einzelnen Kirchengemeinden?

 Bedford-Strohm: Solange ich denken kann, hatte ich Kontakt zu Menschen in der DDR. Als ich sechs Jahre alt war, zog meine Familie nach Coburg, in die Nähe der "Zonengrenze", wie sie damals genannt wurde. Sonntagsspaziergänge gingen mitunter am Stacheldraht entlang. Zu meiner Kindheit gehört die grauenhafte Vorstellung, dass auf dem Todesstreifen Minen vergraben sind und Menschen, die da drauftreten, in die Luft fliegen. Bis heute bleibt es daher für mich ein Glücksgefühl, über diese ehemalige Grenze zu fahren, die ich damals für unüberwindbar hielt. Zusammen mit meinem Vater haben wir auch Gemeinden etwa in Eisenach und Apolda besucht. Außerdem hatten wir einen "Partnerpfarrer" in Mecklenburg. Da gingen viele Briefe und Pakete hin und her.  

Aus den Kirchen in der früheren DDR kommt bis heute Kritik, die EKD habe sie nach ihren Maßstäben verändert, ohne aus ihren Erfahrungen zu lernen, und das frühere Engagement spiele heute kaum noch eine Rolle. Trifft das zu?

 Bedford-Strohm: Ich kann das sehr gut verstehen. Ich finde es beispielsweise höchst unbefriedigend, dass im 15-köpfigen Rat der EKD kein einziges Mitglied mit einer ostdeutschen Biografie sitzt. Auch unter den Landesbischöfen war für längere Zeit niemand aus dem Osten, bis Friedrich Kramer jetzt kürzlich in der mitteldeutschen Kirche als Bischof eingeführt wurde. Aber natürlich haben wir auch viel aus den Erfahrungen in der Kirche in Ostdeutschland gelernt und tun dies auch heute noch: Etwa wie sich Menschen, die in einem nicht christlich geprägten Umfeld aufgewachsen sind, dennoch für ihre Kirche im Dorf engagieren.  

Braucht die evangelische Kirche eine Ost-Quote?   

 Bedford-Strohm: Ich hoffe, dass ein Nachdenken einsetzt, das eine Quote überflüssig macht. Quoten sind zweischneidig: Niemand möchte wegen einer "Ost-Quote" in ein Amt gewählt werden. Ich bin etwas ratlos, wo die Ursachen für die geringe Repräsentanz von Ostdeutschen liegen. Die Bischöfe sind von den ostdeutschen Landeskirchen gewählt worden. Warum sich da nicht mehr ostdeutsche Kandidaten, und die gab es ja, durchgesetzt haben, kann ich mir auch nicht erklären.   

Haben Sie denn eine Vermutung?   

 Bedford-Strohm: Diejenigen, die prägende Erfahrungen in der DDR gemacht haben, haben vielleicht oft noch nicht damit abgeschlossen, wie die Vereinigung der Kirchen gelaufen ist. Darüber müssen wir noch viel reden, uns mehr von unseren eigenen Geschichten und Sichtweisen erzählen.   

Woran litten die Kirchen der früheren DDR bei der Vereinigung?   

 Bedford-Strohm: Streitthemen waren und sind teilweise bis heute die Militärseelsorge, die Kirchensteuer, öffentlicher Religionsunterricht - Regelungen, die im Westen üblich waren. Diese wurden sehr schnell übertragen. Viele hatten damit ein Problem, aber keine Wahl. Für viele Kirchenmitglieder in den neuen Bundesländern fühlte sich die Vereinigung mit der EKD an wie ein "Seitenwechsel". Vorher gingen sie Seite an Seite gegen den Staat auf die Straße. Danach standen sie - im Empfinden vieler Ostdeutscher - eher auf der Seite des Staates. Ich persönlich bin dankbar für Religionsunterricht und Kirchensteuer. Trotzdem müssen wir noch mal hinschauen, was falsch gelaufen ist. Das Zusammenwachsen beider Kirchen hat noch einen Weg vor sich.  

Kann die immer mitgliederschwächere Kirche nicht von manchen Erfahrungen ostdeutscher Kirchen lernen?   

 Bedford-Strohm: Ja, auf jeden Fall! Es wird doch gerade jetzt deutlich, wie viel wir vergleichsweise gut gestellten Kirchen des Westens von den Kirchen im Osten lernen können. Ich sehe das jedes Mal, wenn ich unsere mecklenburgische Partnerkirche besuche: Unter ungleich schwereren Bedingungen als bei uns in Bayern sind Menschen dort ausstrahlungsstark Kirche. Das brauchen wir in der Zukunft. Die Ausstrahlungskraft von Kirche hängt nicht allein von der Zahl der Mitglieder ab. Es kommt darauf an, glaubwürdig und authentisch zu sein und sich öffentlich zu engagieren.  

Noch mehr als im Inneren der Kirche gibt es in der gesamten Gesellschaft Debatten über Unterschiede und Ungerechtigkeiten zwischen Ost- und Westdeutschland. Warum?   

 Bedford-Strohm: Auch hier ist nach meiner Überzeugung das Entscheidende, dass wir uns unsere Geschichten noch nicht erzählt haben - und das 30 Jahre nach dem Mauerfall. Es ist geradezu beängstigend, wie wenig wir von den Biografien der jeweils Anderen wissen. Viele Ostdeutsche haben Demütigungen erfahren, etwa im Zusammenhang mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Positives, das aus Ostdeutschland in die gemeinsame Zukunft eingebracht wurde, ist oft nicht wirklich sichtbar geworden, etwa bei Kinderbetreuung oder der Beschäftigung von Frauen. Ich glaube, noch wichtiger als politische Fragen sind die persönlichen Erfahrungen. Das ist kein Thema für Schuldzuweisungen in die eine oder andere Richtung. Wir müssen einander einfach zuhören.  

Was ist Ihre Erklärung für die jüngsten Wahlerfolge der AfD in Brandenburg und Sachsen?   

 Bedford-Strohm: Ich glaube, dass das auch etwas zu tun hat mit den Abbrucherfahrungen nach der Wende. Dass hinter den Fernsehbildern aus dem Westen immer auch eine Lebensrealität steckte, die auch mit vielen Schwierigkeiten verbunden war, ist manchem in der DDR nicht so deutlich geworden. Das hat sicher auch zu übersteigerten Hoffnungen geführt. Dann kam zwar oft die Erfahrung materiellen Zugewinns, aber eben auch zur gleichen Zeit der Verlust gesellschaftlicher Teilhabe. Ich glaube, dass manche Leute sich bei den jüngsten Wahlentscheidungen über manche Enttäuschung und Kränkung einfach Luft gemacht haben. Wir haben noch überhaupt nichts aufgearbeitet, das liegt noch vor uns.   

Muss Kirche über ihren Umgang mit der AfD noch mal nachdenken?   

 Bedford-Strohm: Kirche muss immer nachdenken. Aber sie hat auch bestimmte Grundorientierungen, die nicht zur Disposition stehen. Wir werden auch weiterhin klar benennen, dass bestimmte Grundeinstellungen öffentlich nicht propagiert werden dürfen - Rassismus, Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit. Gleichzeitig müssen wir für das Gespräch mit allen Menschen offen bleiben - auf offizieller Ebene aber nicht gleichermaßen mit allen Parteien. Es gibt in der AfD viele, die nicht rechtsradikal sind. Mit denen muss man reden, ihnen aber auch klar sagen, dass sie Rechtsradikalen Deckung geben. Sie haben eine Mitverantwortung dafür, dass aus dieser Partei heraus Thesen vertreten werden, die in Deutschland nicht salonfähig werden dürfen.
Quelle: epd

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