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Jüdischer Friedhof in Niederhof

Spuren des Lebens in kaltem Stein

Von Christine Senkbeil

Der jüdische Friedhof in Niederhof an der Küste vom Strelasund mit seinen 26 erhaltenen Grabstellen.
04.11.2018 ǀ Niederhof/Brandshagen.  „Im grauen Monat November wars.“ Als Heinrich Heine sein Versepos „Deutschland. Ein Wintermärchen“ mit dieser Textzeile begann, konnte er nicht ahnen, welches Grauen seine jüdischen Brüder und Schwestern 100 Jahre später erwarten würde – ebenfalls im grauen Monat November. Die Reichspogromnacht wurde der finstere Auftakt zur Ermordung von sechs Millionen Juden. Heute, 80 Jahre später, regt sich wieder Leben in den jüdischen Gemeinden in Rostock oder Schwerin. Doch oft sind es nur noch Spuren aus Stein, die von jüdischem Leben in den Städten und Gemeinden des Nordens erzählen.

Jüdische Kulturtage in Rostock. Ein Festival verfemter Musik in Schwerin. Spaziergänge entlang der Stolpersteine in Greifswald oder Stralsund. Vielerorts wird in diesen Novembertagen der Pogrome von 1938 gedacht. Vom 7. bis 13. November wurden damals etwa 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Mehr als 1400 Synagogen, Betstuben, Versammlungsräume, Tausende Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe wurden zerstört.

„Die Geschehnisse jähren sich in diesem Jahr zum achtzigsten Mal“, sagt Christoph Ehricht vom Arbeitskreis Kirche und Judentum im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis, der zu dem Vorbereitungsteam des Gedenkens in Greifswald gehört. „Es war eine von Partei und SA generalstabsmäßig vorbereitete und durchgeführte Terrormaßnahme gegen das jüdische Leben in Deutschland. SA-Trupps, gewalttätige Randalierer, gequälte Opfer und gaffende Zuschauer waren die Beteiligten, deren Tun, Leiden und Lassen auch nach acht Jahrzehnten nur fassungslos macht“, so Ehricht.

Ein stilles und ganz stummes Zeugnis jüdischen Lebens begegnet dem Wanderer weit außerhalb der Stadt: an der Greifswalder Boddenküste in der Nähe von Brandshagen. Führt der Schritt in den Schlosspark von Niederhof, ist eine erste Überraschung die Kormorankolonie, in der Hunderte Brutpaare nisten.

Grabsteine ausgerichtet nach Jerusalem

In Richtung des Boddens führt der Weg auf einen alten Burgwall aus der Slawenzeit – eine zweite Überraschung auf diesem Spaziergang. Dort aber, an der Steilküste zum Meer, eröffnet sich dann der Blick auf einen wahrhaft geheimnisvoll wirkenden Ort. Ein umzäuntes Waldstück mit sehr alten Grabsteinen. Mit ungewöhnlichen Zeichen sind sie beschrieben – und zwar nicht in der Sichtachse des Betrachters, sondern scheinbar auf ihrer Rückseite. Eine Tafel am Eingang klärt auf. Es ist ein jüdischer Friedhof mit 26 komplett erhaltenen Grabsteinen. Der größte an der Ostsee, wie es heißt. Die Buchstaben sind also hebräisch – und die Schrift richtet sich nach Jerusalem aus.

Die jüdische Gemeinde in Rostock betreut die Anlage. „2008 haben wir die Steine restauriert“, berichtet der Landesbeauftragte Igor Jesernitzki, der mehr als 40 Friedhöfe in MV betreut. Entstanden ist der Friedhof aufgrund von Pogromen, die schon weit vor der Nazizeit auch hier im Norden liefen. Stralsunder Juden war es nicht gestattet, ihre Toten in der Stadt beizusetzen. Dem Stralsunder Münzdirektor Giese gehörte damals das Gut Niederhof. 1776 erlaubte er seinem Münzagenten Hertz, seine Tochter hier zu beerdigen. Schon mit 16 Jahren war diese verstorben. In den folgenden Jahrzehnten erfolgten weitere Bestattungen auch aus Greifswald und Gnoien. Per Boot über den Sund oder mit Pferdewagen seien die Toten nach Niederhof überführt worden.

Ab 1933 verfiel der Jüdische Friedhof. Noch in den 50er-Jahren wurden einzelne Grabsteine als Baumaterial entnommen, wie im Bericht eines Forschungsprojektes „Jüdische Friedhöfe“ der Fachhochschule Neubrandenburg auf klecks-online zu lesen ist. „Es gab auch Schändungen“, schreiben sie. Seit 1964 ist der außerordentlich schöne Friedhof zum Kulturdenkmal erklärt worden. Bruchstücke der Steine konnten gerettet werden. Und ein Gedenkstein mit der Inschrift entstand: „Errichtet im Gedenken derer, die hier in Frieden ruhen, und zum Gedenken der sechs Millionen ermordeten jüdischer Menschen.“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 44/2018

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