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12.-26. August 2019

Reisetagebuch Chicago, Ohio und Michigan (USA)

Eine Nordkirchen-Delegation besucht vom 12. bis 26. August Partnerkirchen in den USA. Die Reise ist auch ein historisches Projekt. Die drei im Bereich der heutigen Nordkirche gewachsenen Stränge der kirchlichen Partnerbeziehungen in die USA sollen zusammengefügt werden. Besucht werden Einrichtungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika in Chicago, Hamburgs Partnerstadt, mit denen der Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg und das Prediger- und Studienseminar der Nordkirche eng verbunden sind. Anschließend geht es nach Dayton und Newark in der Southern Ohio Synod, wohin seit Mitte der 1980er Jahre Kontakte von Kirchengemeinden in Mecklenburg bestehen, sowie nach Lansing, Michigan, dem Sitz der Michigan-Conference der United Church of Christ (UCC), zu der pommersche Gemeinden seit über 30 Jahren Beziehungen pflegen. Tilman Jeremias, Dr. Elisabeth Chowaniec, Matthias Tuve, Matthias Bohl, Jörn Möller und Martin Waack berichten im Reisetagebuch über ihre Begegnungen: 

25./26.08.2019 | Tag 14 (letzter Tag) | Lansing/Jackson/Detroit

Doors are open. Die Türen sind offen. Für alle.
Von Matthias Tuve

Wir sind unterwegs zum Flughafen Detroit. Eben setzen Regenschauer ein. Gutes Timing für eine Abreise. Gestern war noch strahlender Sonnenschein.

Tilman Jeremias hat in zwei Gottesdiensten der Bethlehemgemeinde der UCC in Ann Arbor gepredigt. Man kann nicht in diese Kirche gehen, ohne vorher zu bewundern, was man vor der Kirche sieht. Eine Erklärung der Gemeinde über ihre Willkommenskultur. Ein weiteres Schild, das für die Unterstützung der Flüchtlinge und der muslimischen Nachbarn wirbt. Eine farbenfrohe Türeninstallation über Gottes offene Türen für alle. Super! In der Predigt wirbt Jeremias für den christlich-jüdischen Dialog. Heute ist der 10. Sonntag nach Trinitatis, in der ganzen Nordkirche und überall in Deutschland. Während Jeremias noch ein zweites Mal im nächsten Gottesdienst gefordert ist, fahren die anderen nach Jackson weiter.

10:30 Uhr Gottesdienst in St. John. Unsere „Heimatgemeinde“! Auch diese Gemeinde ist open and affirming – also offen für alle Menschen jeder Couleur. Und spätestens, als die Altarkerzen entzündet werden, sehen wir, dass das nicht nur eine fromme Erklärung ist. Ein älterer weißer Herr – und Kathy, die wir schon aus ihrem Küchendienst kennen, nehmen das in die Hand. Sehen Sie selbst! Eine Ehrenamtliche leitet den Gottesdienst. Daniel Kidder-McQuown sieht in seinem weißen Gewand mit der dicken Kordel wie ein Arbeitermönch aus. Gerührt zeigt er die Stola, die er als Dankeschön für die Dienste seiner Gemeinde während unserer Konferenz erhalten hat. „Let Justice roll!“ Lass Gerechtigkeit fließen!

Bevor ich predigen darf, stellt er mich vor als halben Wunderprediger. Ich revanchiere mich, indem ich ihn als Prediger für seine Gemeinde anpreise. Daniel ist Interims-Pastor. Es ist noch nicht sicher, ob er bleiben kann. Wir alle haben ihn liebgewonnen und schätzen gelernt während der Konferenz. Hoffentlich kann er bleiben. Diese Gemeinde wäre für jede nordkirchliche Partnergemeinde interessant!  - In der Predigt geht es um die Frau aus Lukas 13, die seit 18 Jahren nicht mehr aufrecht gehen kann. Jesus heilt sie, und fragt vorher nicht, ob sie selber schuld ist an ihrem Elend. Er fragt gar nichts. Er heilt. Am Ende der Predigt erzähle ich von unserem Aufenthalt im Interfaith Shelter für obdachlose Menschen. Das Wort, dort an die Tafel geschrieben, wiederholt die Gemeinde laut dreimal: Es gibt keine bessere Übung für das Herz, als sich nach unten zu beugen und Menschen aufzurichten. Die Geheilte singt und lobt Gott – aufrecht. Das tun wir auch. Singend ziehen wir durch die Kirche, Martin Waack vorneweg. (Fast) alle machen mit. Nach dem Gottesdienst sagt eine Frau zu ihm: Ihr habt einen neuen Geist in unsere Kirche gebracht! Ein junger Mann mit Mütze, barfuß, „Peace and Love“ auf dem T-Shirt, stellt sich zum Pastorenfoto dazu. In der Hand hat er mehrere in der Gemeinde gehäkelte Decken. Die werden jetzt bei Hausbesuchen verschenkt, erklärt er mir.

Am Nachmittag entschließen wir uns zu dritt zu einer Wanderung. Daniel Kidder-McQuown, Tilman Jeremias und ich. Nicht zu viel Gewicht mit nach Hause nehmen! Gedanken kommen und gehen lassen. Staunend die Schönheit des Weges sehen. Ihn unter den Füßen zu spüren. Hier und da Gespräche miteinander, zu zweit, zu dritt. Das tut gut! Fast drei Stunden sind wir unterwegs.

Und schon ist Montag. Auswertungsrunde mit Dr. Campbell Lovett und mit Marcia Meabon. Mit der schönen Nachricht: Auch die Michigan Conference entsendet eine Delegierte zur Bischofseinführung,  Rev. Dr. Constance Simon, Mitglied der Kirchenleitung der Michigan Konferenz. Dr. Coni nennt sie sich selbst. - In unserer internen Auswertung danach fliegen wir noch einmal durch die vergangenen 14 Tage. Begeistert. Angerührt. Motiviert. Dankbar.

Die letzten Worte schreibe ich auf dem Flughafen Detroit. Der Akku meines Laptops ist gleich alle! Aber unsere Akkus sind aufgeladen. Diese Reise hat uns viele Möglichkeiten gezeigt, wie unsere Nordamerikabeziehungen ausgebaut werden können. Und wie wichtig sie sind! 


24.08.2019 | Tag 13 | Lansing

Im Paradies
Von Matthias Tuve

Verwundert reibe ich mir die Augen. Das sind doch nicht… doch, das sind Kolibris! Draußen auf der Veranda schwirren sie immer wieder vorbei. Mal stehen sie in der Luft, mal zischen sie los, und immer wieder sitzen sie auf einem seltsamen Gestell. Eine Lampe? Nein, erklärt Rex Meabon, das ist ein „Feeder“, also ein Futterhäuschen für Vögel. Nur dass hier keine Sonnenblumenkerne drin sind, sondern Zuckerwasser. Die Kolibris tanken Energie für ihren weiten Flug im nächsten Monat bis nach Mexiko oder gar nach Südamerika. Während des ganzen weiten Fluges nehmen sie keine Nahrung zu sich, sagt Rex. Und im Mai kommen sie zurück. Damit das alles klappt, füllt er den Behälter zweimal täglich. Eine große Freude, diese Vögel zu sehen. Sie brauchen keine Mauer fürchten, keine Einreise- oder Ausreiseformalitäten. Kein Zoll. Keine Zurückweisungen. Seit Jahrtausenden Freizügigkeit in alle Richtungen. Seht die Vögel unter dem Himmel an, sagt Jesus. Noch längst haben wir nicht alles von ihnen gelernt, was nötig wäre.

Energie aufladen wollen auch wir. Und Rex hilft dabei! Er macht sein Boot startklar, und dann stechen wir in See. Vorbei an Häusern, Bootsanlegestellen, Seerosen. Vorbei an einer Möwenkolonie, die sich auf den Dächern mehrerer Bootsschuppen niedergelassen hat. Nur wenig Wind, die Sonne scheint. Die Stille tut uns gut, das Blau des Silbersees genauso wie das Grün an seinen Ufern, Bäume, Wiesen – ein kleines großes Paradies!

In der Mitte des Tages aber haben wir die Hölle besucht! Ganz in der Nähe gibt es den kleinen Ort Hell (Hölle). Mehrere Gaststätten mit kuriosen Mahlzeiten. Ich bestelle „Fallen Angel“ – Gefallener Engel. Ein Wrap mit ziemlich scharfer Soße – eben höllisch. Es gibt T-Shirts zu kaufen mit Gruselsprüchen, Fledermäuse und Spinnen grüßen grimmig von der Decke. Auf dem Gelände eine zwergenkleine Kapelle, und ein Brautpaar, offensichtlich getraut (???). Die Braut hat sich zwei kleine Hörner aufgesetzt! Ziemlich schräg, oder? Als die Hochzeitsgesellschaft das Gelände verlassen hat, schauen wir uns den Ort des Geschehens genauer an. Ein Spruch auf der Seitenwand erklärt: „Mit einer Ehe, die in der Hölle geschlossen wurde, kann es nur aufwärts gehen.“ Amerikanischer schwarzer Humor.

Abends sitzen wir auf der Veranda des Hauses von Marcia und Rex Meabon, nur wenige Meter vom See entfernt. Während Rex (schon wieder Rex) grillt für das Abendessen, denken wir im Paradies über die Hölle nach. Tilman Jeremias meint: „Wir Menschen machen einander das Leben so oft zur Hölle, manchmal auch uns selbst. Da braucht es eigentlich gar keine ewige Hölle mehr.“ Elisabeth Chowaniec (die Juristin unter uns!) sagt nachdenklich: „Bei so viel Gemeinheit auf dieser Erde muss es doch Gerechtigkeit geben, das Unrecht muss doch vor ein Gericht kommen! Da wünschte man sich manchmal, dass es doch eine Hölle gibt.“ Matthias Bohl fragt: „Aber wenn es dann ein Urteil gibt – wie sieht dann der Vollzug aus?“ Für diejenigen, die dafür sorgen, dass es vielen Menschen schlechter geht als den Kolibris?

Ernste Themen. Und doch: Es tut gut, zu reden, zu widersprechen, einen neuen Gedanken zu hören, selber einen zu entwickeln, oder einfach zu schweigen. Ohne den Druck, dass daraus gleich eine Predigt werden muss, ein Synodenpapier, eine Presseerklärung… Einfach nur entspannen.

Auf einmal steht Rex vor mir. In der Hand hält er seine Geige und seinen Geigenbogen. „Spielst Du etwas für mich?“ fragt er. Was spiele ich jetzt, frage ich mich. Und dann zuckt mir ein Gedanke durch den Kopf. Und ich spiele die Melodie von der Olsenbande. Wo Verbrechen im Rahmen bleiben und bald spektakulär scheitern, und Egon Olsen sühnen muss und doch eine Zukunft hat. So geht ein Tag zu Ende zwischen Paradies und Hölle und wieder Paradies, an dem wir spüren, was Leben ist.


23.08.2019 | Tag 12 | Lansing

Der Wal der Partnerschaft
Von Tilman Jeremias

Heute Morgen findet unsere Konferenz ihren Abschluss. Wir feiern Heiliges Abendmahl in der St. John’s-Kirche, die in den letzten Tagen trotz ihres eigenen Charmes zu so etwas wie einer geistlichen Heimat für uns geworden ist. Und auch die Auswertung zeigt: Der intensive Austausch war sehr interessant und förderlich, als besonders verbindend und intensiv haben aber die meisten von uns die gemeinsamen Gebete und die Abendmahlsfeier empfunden. Wir versprechen einander, in Kontakt zu bleiben und nach Wegen zu suchen, wie all die drei nordamerikanischen Partnerschaften der Nordkirche neue Leute und neue Impulse bekommen können. Denn nun können wir es bezeugen: Solche Treffen sind geistliche Nahrung, Ermutigung für Neues und stärkende Gemeinschaft. Daniel Kidder-McQuown findet ein schönes Bild: unsere Partnerschaft ist kein kleiner Fisch, sondern ein Wal!

Nach dem Abschied aus Jackson steuern wir unser letztes Ziel an: Lansing, wo die Michigan Conference der United Church of Christ ihre Zentrale hat. Der leitende Geistliche, der Conference Minister, den wir bereits in Detroit getroffen haben, Dr. Campbell Lovett, empfängt uns auf dem beeindruckenden Campus der University East Lansing, wo 50.000 Studierende unterrichtet werden. Er besucht mit uns ein futuristisches Museum auf dem Campus, das gegenwärtig eine beeindruckende Ausstellung zeigt: The Edge of Times, vielleicht übersetzbar mit: „Am Rand der Zeiten“. In dieser Ausstellung zeigen lateinamerikanische Künstlerinnen und Künstler ihre Werke, die in Zeiten der oppression, der Unterdrückung, entstanden sind. Und schlagartig werden wir mit einer dunklen Seite der US- amerikanischen Geschichte konfrontiert, die hier ins grelle Licht gezogen wird: Während des Kalten Kriegs unterstützen die USA mehrere grausame südamerikanische Diktaturen aus vermeintlich geostrategischen Gründen. Die Opfer dieser Politik melden sich hier auf erschreckende künstlerische Weise und mahnen laut, dass auch das hehrste politische Ziel niemals Gewalt und Unterdrückung Unschuldiger rechtfertigen kann. Erschreckend und zugleich ermutigend - so in der Installation „Für eine Zeit des Krieges“ (For a time of war). Text auf der Ausstellungstafel (PDF)


Im Anschluss fahren wir zum zentralen Verwaltungsgebäude der UCC Michigan. Und reiben uns erst einmal die Augen: Wir stehen vor einem unscheinbaren Bau, der nicht mehr als zehn Büros fasst. Das ist hier also das Landeskirchenamt?? Beim intensiven Gespräch mit Campbell Lovett wird schnell klar, warum diese Zentrale so überschaubar ist. Die UCC ist kongregationalistisch aufgebaut. Und der Kongregationalismus mit Wurzeln in Großbritannien heißt: Jede Gemeinde ist selbständig, finanziell und geistlich, wählt ihre Pastorin oder ihren Pastor selbst und verantwortet alle eigenen Angelegenheiten; die Zentrale ist lediglich Impulsgeber dieser Kirche. Die UCC hat eine reiche Fusionsgeschichte hinter sich, aus ursprünglich deutschen reformierten und unierten Kirchen, Schweizer Reformierten, englischen Kongregationalisten, einigen Methodisten und weiteren kirchlichen Gemeinschaften. In den USA kommen verschiedenste europäische Traditionen zusammen und ergeben ein unüberschaubar buntes Bild.

Wir lernen, dass die UCC unter ihrem Dach evangelikale, konservative Gemeinden vereint mit sehr liberal- progressiven. Das Amt des Conference Ministers ist es vor allem, diese bunte Vielfalt zusammenzuhalten, Netzwerke zu schaffen und für die Programme der Zentrale zu werben, die Bildung, Seelsorge, Mission und anderes umfassen. Kirchenpolitische Macht im engeren Sinn hat er nicht. So überrascht das Motto der UCC nicht: nach Joh. 17 eins zu werden in Jesus Christus. Am Ende des Gesprächs steht ein Gruppenfoto mit den Kampagnen der UCC. Gern nehmen wir diese Schilder in die Hand.

Wie wohltuend ist es, nach all diesen reichen Eindrücken des Tages nach einer weiteren Stunde Autofahrt Marcias Haus zu erreichen, das direkt am Ufer des herrlichen Silver Lakes liegt. Hier lässt es sich leben!


22.08.2019 | Tag 11 | Jackson

Bunt. Verstörend. Beeindruckend engagiert. Jackson
von Jörn Möller

“You never know”/“Man kann es ja mal brauchen” – Dies soll die Antwort der meisten Nutzer von Pickups in den USA sein, wenn sie gefragt werden, warum sie ein großes spritfressendes Auto mit Ladefläche fahren. Dies jedenfalls war die Meinung von Pastor Daniel Kidder-McQuown aus Jackson, Michigan, als wir nach einem Rundgang durch Downtown auf die vielen Pickups in den USA zu sprechen kamen. Außerdem, so seine ironische Position, bekommt man in Michigan Häuser nur mit dazugehörigem Pickup. Für einige von uns wurde diese besondere, sehr mit den USA verbundene Fahrzeugform zum zweiten Mal ein Thema, nachdem wir bereits am Dienstag die Produktion des Pickups Ford F-150, immerhin über 1200 Fahrzeuge pro Tag, in Detroit besucht hatten.

Es war eines der Themen eines intensiven Gespräches in einem Coffeeshop bei einem exzellenten Kaffee neben alternativen Energien und möglicher Energieeinsparungen. Dieser Austausch über die Lebenssituation in Jackson war der spannende Abschluss unseres heutigen Nachmittags.

Jackson liegt im sogenannten Rustbelt der USA, den Landesteilen, die extrem unter dem Niedergang der Stahlindustrie über die letzten Jahrzehnte leiden und daher viele Stimmen für Donald Trump brachten. Dennoch versucht Jackson seit einigen Jahren einen Aufbruch mit der Pflege des Stadtbildes und anderer Initiativen. Ganz praktisch zu sehen war es an vielen großformatigen Murals (Wandbilder), die im Rahmen eines jährlichen Festivals (www.brightwallsjackson.com) gestaltet werden.

Die Folgen der Armut hatten wir am frühen Nachmittag ganz real gesehen bei einem Besuch des "Jackson Interfaith Shelters” (www.interfaithshelter.com), einer Einrichtung, die sich seit über 40 Jahren um die Betreuung von Obdachlosen kümmert. Ein Team hoch engagierter Hauptamtlicher und vieler Ehrenamtlicher bietet in der Regel für 46 Frauen und Kinder sowie für 32 Männer Betten und gibt jeden Tag drei Mahlzeiten für rund 100 Personen aus. Natürlich wird insbesondere im Winter und in Krisenzeiten diese Zahl deutlich überschritten.

Ursprünglich wurde das Haus getragen von verschiedenen christlichen Denominationen, heute ist es für Menschen aller Glaubensrichtungen offen. Finanziert wird es einerseits mit den geringen Mittel, die der Staat für Obdachlose zur Verfügung stellt, vor allem aber aus Sach- und Geldspenden aus Gemeinden und von Einzelnen. Ziel der sehr beeindruckenden Arbeit ist es, die Menschen, die aus verschiedenen Gründen ihre Wohnung verloren haben, binnen 90 Tagen wieder in – zum Teil der Organisation gehörenden – Häusern unterzubringen, möglichst einen Arbeitsplatz zu finden und so wieder in die Selbständigkeit zu entlassen. Angesichts von 38 % der Bewohner von Jackson, die unterhalb der Armutsgrenze leben und gut 10 %, die nur wenig mehr haben, eine eigentlich unlösbare Aufgabe, die durch Alkoholismus und die Opiatkrise in den USA noch deutlich verstärkt wird. Es war wichtig, neben der intensiven Arbeit an unseren Partnerschaften auch diese Kehrseite der USA ganz real kennenzulernen und zu sehen.

Verstörend war daneben insbesondere der Besuch in einem Waffenladen, der als Familienbetrieb als sehr kompetent gilt und neben unzähligen Sportbogen ein riesiges Angebot an Pistolen und Gewehren hatte. Ein freundlicher älterer Herr bot uns ein halbautomatisches Gewehr AR-15, das oft bei Attentaten benutzt wird, zum Angebotspreis von 699 $ an – eine Kriegswaffe zum Schnäppchenpreis, käuflich für Achtzehnjährige.

Den Vormittag hatten wir nach einer Andacht mit einer intensiven Arbeit in Kleingruppen verbracht, in denen wir ganz gezielt die kurz- und längerfristigen Perspektiven der drei Partnerschaften der Nordkirche in die USA (Chicago, Southern Ohio Synod und UCC, Michigan) in den Blick nahmen. Es zeigte sich, dass an vielen Stellen auf beiden Seiten eine große Bereitschaft und der Wunsch zu intensiven Kontakten, gegenseitigem Kennenlernen und thematischem Austausch besteht. Es ist daher ein wichtiges Ziel für die nächste Zeit, diese Kontakte in die USA besser in der Nordkirche bekannt zu machen und auf eine breitere Basis zu stellen. Daneben ist es dann für die Realisierung wichtig, Finanzierungsmöglichkeiten und Förderung zu erschließen. Sie sind dringend erforderlich, um sowohl Flug als auch Unterbringung gerade auch für jüngere Menschen zu ermöglichen.

Den Abschluss des inhaltlichen Teiles bildete eine Bibelarbeit und -pantomime, ebenfalls in Kleingruppen, für die wir uns mit Eph. 6, 10-18 beschäftigten.
Vor dem Abendessen aber gab es ein herzliches Dankeschön an das großartige Küchenteam der UCC Jackson, das uns drei Tage lang hervorragend verpflegt hat.


21.08.2019 | Tag 10 | Jackson

Eine berauschende Mischung
Von Matthias Bohl

Nach einer ruhigen Nacht – trotz direkt vorbeirauschender Autos und Trucks auf der I 94 - in unserer Travelodge fahren wir zum Tagungsort. Wir beginnen mit einer Andacht in der Kirche von St. Johns UCC. Joshua Brodbeck, Organist aus Upper Arlington/Ohio lässt virtuos die Orgel brausen und überrascht uns bei einem Lied mit der Melodie der deutschen Nationalhymne, für uns etwas befremdlich.

Wir haben uns für diesen ersten Tag vorgenommen, uns einander aus unseren Kirchen zu erzählen, - mit ihren geschichtlichen Hintergründen und ihren Herausforderungen nach innen und nach außen. Steve und Joshua starten mit der Ohio-Präsentation: Steve’s Gemeinde ist wie ein Mikrokosmos der USA. Alle politischen Spannungen finden sich auch hier. Denn Ohio ist ein Swingstate, im Moment etwas mehr Rot als Blau. Und Steve positioniert sich: Die normalerweise geltende vorsichtige Grundhaltung in der Gemeinde „keep politics out of church“ (Haltet die Politik aus der Kirche raus) ist nicht mehr hilfreich. Denn die Bibel ist voll von politischen Aussagen, - das wird im Moment mehr denn je bedeutsam. Hat Jesus doch gesagt: „Ich bringe Feuer“. In seiner oberen Mittelklasse-Gemeinde will er die politische Bedeutung von theologischen Begriffen wie Auferstehung, Heil hier und heute für jede und jeden und Gerechtigkeit nicht länger an der Kirchentür abgeben. Und es entsteht eine Überzeugung in der Gemeinde: Als lutherische Gemeinde wollen sie nicht länger in der Blase („Bubble“) bleiben, abgeschieden von den Themen der Welt, sondern mitten drin sein: Die „Mission“ ernstnehmen. Innenstadt-Projekte für Arme, Hilfe für Menschen, die umziehen müssen, bei der Arbeitssuche helfen. Und es geht um die großen Themen, die von der ELCA gesetzt werden: Homosexualität und Willkommenskultur für Geflüchtete. Einige Gemeinden halten das nicht aus und wandern ab, aber die meisten stehen überzeugt dahinter. Die Polarisierung in den Gemeinden muss überwunden werden, um in den Nachbarschaften helfen zu können. Die Schwierigkeit ist, dass es um eine Gratwanderung geht, wenn mehr politische Klarheit gewollt ist und zugleich die Menschen für die Gemeinde nicht verloren gehen sollen. Für die gemeindeinterne Kommunikation gibt es Spielregeln für die Kommunikation, damit das klappt, erzählt Steve, „ein Schwur für offene Forumsgespräche,“ der in einem Papier aufgeschrieben ist.

Die Kaffeepause gibt Raum für engagiertes Nachfragen und für ein Gruppenbild aller Konferenzteilnehmenden.

Die Fortsetzung des Programms: Wir Deutschen sind dran mit der Darstellung der Nordkirche, des sehr speziellen Verhältnisses von Staat und Kirche und der bunten Partnerschaftsstruktur über das ZMÖ mit über 30 Partnerschaften. Unsere Konferenzteilnehmenden aus den USA nehmen mit Respekt wahr, dass wir 3 % der Kirchensteuern in die kirchliche Entwicklungsarbeit geben. Und sie versuchen zu verstehen, was Kirchensteuern tatsächlich sind: ein Instrument für Gerechtigkeit unter Kirchenmitgliedern; - socialistic? Ein „dirty word“ in den USA..., sagt Daniel. Die postalische Adresse von Matthias Tuve löst übrigens Verwunderung aus: eine kirchliche Einrichtung am Karl-Marx-Platz 15 in Greifswald?! – Die gemeinsame Frage in der Konferenzrunde ist dann noch: Wie gelingt es, junge Familien, Kinder und Jugendliche für die Kirche zu begeistern, ohne in simple Evangelisationsstrategien zu steuern.

Zum Mittag haben uns einige Frauen aus der Gemeinde BLT’s gemacht: Sandwiches mit Speck, Salatblatt und Tomate (Bacon, Lettuge, Tomatoe), dazu sweet corn, - butterweise Maiskolben. BLT, eine der typischen Abkürzungen, die Amerikanern schnell über die Lippen gehen.

Marcia eröffnet den Nachmittag und erzählt zusammen mit Daniel aus der UCC-Kirche von Michigan und ihren Gemeinden. Die UCC ist eine vereinte Kirche (united), die in mehreren Schritten aus Kirchen unterschiedlicher Tradition entstanden ist. Und sie vereint in ihrem Selbstverständnis Menschen in der ganzen Breite ihrer Verschiedenheit: “a heady exasperating mix“, - eine berauschende Mischung! Marcia schenkt uns Anstecker und anderes, - alles mit einem großen Komma versehen, weil Gott keinen Punkt, sondern immer ein Komma macht, d.h. immer weiter kontinuierlich mit uns redet: „god is still speaking“, - der Slogan der UCC. Und diese Themen sind das Programm: “Protect the environment. Care for the poor. Embrace diversity. Reject racism. Forgive often. Love God. Fight for the powerless. Share earthly and spiritual resources. Enjoy this life.” (Schütze die Umwelt. Sorge für die Armen. Vielfalt umarmen. Rassismus ablehnen. Verzeihe oft. Liebe Gott. Kämpfe für die Machtlosen. Teile irdische und spirituelle Ressourcen. Genieße dieses Leben.) Marcia und Daniel stecken uns mit ihrer Leidenschaft für das Leben an.

Und schließlich stellt uns Johanna die Arbeit von Global Mission in der ELCA vor: Sie begleitet die Partnerschaften der einzelnen ELCA-Kirchen (wie Landeskirchen) und arbeitet mit uns an fünf theologischen Wörtern, die in der ELCA dafürstehen:
Mutually (gegenseitig): Partnerschaft geschieht auf Augenhöhe. Inclusively (inklusiv): Partnerschaften über alle trennenden Grenzen hinweg aufbauen. Vulnerably (verletzlich): Wir öffnen uns für andere und machen uns verletzlich. Empowering (befähigend): einander gegenseitig befähigen stark zu sein. Sustainably (nachhaltig): Partnerschaften brauchen lebendige Beziehungen, um sich stetig zu erneuern. Und zum Nachlesen hier ein Link.

Zum Abendessen nehmen wir heute am „community dinner“ der Gemeinde teil, einmal im Monat und offen für alle, die sich eingeladen fühlen. Dann fahren wir in eine der vielen Kleinbrauereien, Ironbark Brewing Company, und lassen den anstrengenden Tag gemütlich ausklingen.

20.08.2019 | Tag 9 | Dearborn/Jackson

Ein Prozent
Von Matthias Tuve

Im Jahr 1966 veröffentlichte der Verlag Neues Leben in der DDR das Buch „Der Zauberer Edison“ von István Száva. Meine Eltern kauften es mir und ich las es fast in einem Zuge durch. Faszinierend! Kennen Sie die Geschichte, wie er sich als Dreijähriger auf Hühnereier setzt, um sie auszubrüten? Nicht? Dann sollten Sie sich dieses Buch besorgen! – Heute, an unserem freien halben Tag, begegnen wir Edison auf Schritt und Tritt, denn wir sind für ein paar Stunden in den gewaltigen Komplex „The Henry Ford“ eingetaucht. Ein riesiges Museum in Dearborn bei Detroit. Amerikas größte historische Attraktion (sagt der Flyer). Ein Teil davon: Greenfield Village. 30 Hektar Gelände, mit vielen Gebäuden, Inventar, Denkmälern, Attraktionen aus der Gründerzeit Amerikas. Gleich am Eingang wartet die Dampflok. Natürlich heißt sie „Edison“. Schon an der nächsten Station steige ich erst mal aus. Teile des Menlo Parks, des Forschungslaboratoriums von Thomas Alva Edison sind hier aufgebaut. Staunend betrachte ich die drei Öfen, in denen unzählige Stifte aus Bambus, aus Holz und anderen Materialen luftdicht abgeschlossen verkohlt wurden, um das perfekte Material für die Glühbirne zu finden. Edisons Werkstätten sind zu sehen, ein Kraftwerk, das er gebaut hat, Büros, und so viele unglaubliche Erfindungen, auf denen unser normales Leben heute aufbaut. Am Ende des Rundgangs stehe ich vor seinem Denkmal. In den letzten Monaten seines Lebens hat er dafür Modell gesessen. Darunter ein Edison-Zitat: „Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Schweiß.“ Aber freilich - ohne dieses eine Prozent geht es auch nicht, denke ich, und er hatte es!

Dann schnell noch ein Blick in das Fordmuseum. Zwei Objekte prägen sich mir ein. Der Dienstwagen von John F. Kennedy, in dem er 1963 dem Attentat zum Opfer fiel. Und das Porträt von Abraham „Old Abe“ Lincoln, 1865 ermordet. Lincoln war Symbol für die Einheit der Nation, für die demokratischen Traditionen und für die Sklavenbefreiung. Amerika hatte gute Präsidenten. Kaum zu glauben: Lincoln war Republikaner!  Was ist nur aus dieser Partei geworden?

Anderthalb Stunden später – Travelodge in Jackson. Ein Swimmingpool begrüßt uns!!! Den können wir jetzt ganz durchschwitzt gut gebrauchen. Aber dann stehen wir völlig entgeistert in der Rezeption der Lobby. Die Managerin hat heute Morgen (!) festgestellt, dass sie mit meinen Kreditkartendaten nicht zurechtkommt und - - - kurzerhand die vor vielen Monaten abgeschlossene und immer wieder aktualisierte Buchung einfach storniert! Hier hat ganz offenkundig irgendwo ein Prozent gefehlt! Entsetzen! Sie hat inzwischen etliche andere Gäste angenommen. Es sind nur noch 6 Zimmer frei. Die reichen für uns. Aber für unsere amerikanischen Freunde, die auch hier wohnen sollen, müssen schnell in einem anderen Hotel Plätze gefunden werden. Das gelingt zum Glück. Die Managerin kümmert sich. Aber der Schreck bleibt noch für eine Weile in den Knochen.

17 Uhr treffen wir in unserem Konferenzzentrum ein – der UCC-Kirche St. John in Jackson. Hier wollen wir drei Tage lang mit Delegierten aus Chicago, Ohio und Michigan über den weiteren Weg unserer Partnerbeziehungen beraten. Und wir haben ein Thema: What do we do for unity in Diversity? – Was tun wir für die Einheit in Vielfalt?

Die Gemeinde begrüßt uns herzlich. Im riesigen Speiseraum, zwischen zwei Baseballkörben, hängt ein großes Plakat. Darauf steht: Willkommen. Kaum da, fühlen wir uns schon zu Hause. Auch die amerikanischen Teilnehmenden treffen nach und nach ein. Eine lockere Vorstellungsrunde. Kurze Absprachen zum vor uns liegenden Programm. In der Kirche, singend und betend, schließen wir den Tag. 


19.08.2019 | Tag 8 | Newark/Detriot

Vertrag auf den Weg gebracht
Von Dr. Elisabeth Chowaniec

In der Nacht Gewitter, Sturm und Starkregen (auch hier!) und dann ein strahlend schöner klarer Morgen. Der Wetterbericht sagt für den südlichen mittleren Westen und die Ostküste Hitzerekorde von 95 – 105 F voraus d.h. über 40C. Für Detroit aber werden „nur“ 80-85F erwartet.

Wir treffen uns schon um 8.00h mit Bischöfin Suzanne Dillahunt und ihrem persönlichen Referenten Pastor Bob Adams zum Frühstück, das uns Fred und Jerry liebevoll im Kirchsaal bereitet haben. Auch Pastorin Betsy und Pastor Bill sind noch einmal gekommen und so dient die Vorstellungsrunde bereits auch einem Austausch darüber, welche Bedeutung die Partnerschaft für die verschiedenen Seiten hat. Zu unserer Freude betont Bischöfin Dillahunt, dass der Austausch mit uns von großer Bedeutung für die Southern Ohio Synod ist und die lebendigste Beziehung. Vor allem aber dient die Begegnung der Paraphierung der neuen Vereinbarung zwischen der Southern Ohio Synod und der Nordkirche. Dieses Mal wird sie unbefristet geschlossen und muss nun durch die Gremien. Das Absingen von „Ein feste Burg…“ auf Englisch krönt das Werk. A mighty fortress is our god!

Um 10h brechen wir auf und fahren wieder Richtung Norden. Das ländliche Amerika begleitet uns links und rechts des Weges: weiße Farmhäuser, rote Farmhäuser, Silos, erstaunlich viele Bäume und gelegentlich Windräder, einige größere Städte (Columbus, Bowling Green, Toledo). Pünktlich um 14h erreichen wir Dearborn und werden bereits von Pastor Dr. Geoffrey Drutchas erwartet, der uns dann eine reichhaltige und temperamentvolle Führung durch Detroit bietet.

An jeder Ecke weiß er ein Haus zu zeigen in dem Charles Lindbergh, Joni Mitchell, Reinhold Niebuhr und andere Prominente gelebt und gearbeitet haben. Das Detroit Institut of Art, eigentlich am Montag geschlossen, aber durch Pastor Geoffreys Beziehungen für uns geöffnet, bietet in einem großen Wandgemälde des Frieda Kahlo Ehemanns (die auch einige Jahre in Detroit gelebt haben) Diego Rivera Detroiter Stadtgeschichte (The Detroit Industry Murals). Spannend auch die Begegnung mit Erzbischof Dr. Karl Rodig, einem ehemaligen katholischen Priester aus Deutschland, der in einem sozialen Brennpunkt Detroits eine ehemalige katholische Kirche (St. Antonius) kaufte und dort eine von Rom unabhängige ökumenisch-katholische Gemeinde gründete, offenbar mit Erfolg und zum Segen des gesamten Umfelds.

Im Eiltempo geht’s dann weiter zum Aquarium der Stadt, in dem gerade eine Art Spendengala stattfindet. Auch hier ermöglichen Pastor Geoffreys Beziehungen und sein Rat an uns, uns einfach so zu verhalten, als ob wir Anzug und Abendkleid tragen, den Zutritt und einen Blick auf das wunderschöne Jugendstil-Innere des Ortes. Ein Glas Rotwein und Häppchen sind inklusive!

Zum Abendessen dann eine weitere interessante und informative Begegnung mit Conference Minister Dr. Campbell Lovett, dem leitenden Geistlichen der Michigan Conference der United Church of Christ in den USA. Das ist die Partnerkirche, die durch Pommern in die Nordkirche eingebracht wurde. Lovett berichtet von 138 Gemeinden, die zu seiner Kirche gehören – mit gut 30.000 Mitgliedern. Für Matthias Tuve gibt es das Wiedersehen mit Akua Budu Watkins, die 2017 in Pommern am Ökumenischen Kirchentag in Greifswald teilgenommen hat.
Ein Spaziergang zum Detroit River – auf dem gegenüberliegenden Ufer liegt schon Canada - schließt einen wunderbaren und interessanten Tag ab.


18.08.2019 | Tag 7 | Newark

Make diversity great again - Feiert die Vielfalt!
von Martin Waack

Sonntagmorgen 9.30 Uhr Newark St. Pauls. Gottesdienst mit viel Musik. Pastor Börgensen, schon über 80, vertritt heute die kranke Ortspastorin. Er hält auch singend und sprechend eine Kinderpredigt. Die Kinder sitzen dazu auf den Altarstufen vor der Gemeinde. Das Magnifikat der Maria taucht im Gemeindegesang auf. Maria, heute? Ach ja, Maria Himmelfahrt. „Meine Seele erhebt den Herren und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes“. Maria singt so und hat guten Grund dafür. Wir alle haben Grund so zu singen. Warum? Ganz einfach - wir erzählen Euch in unserer Dialog-Predigt davon:

„Creation of god is creation of many diverse things. The diversity makes the creation great.“ Die Vielfalt macht die Schöpfung groß und ist ein Geschenk Gottes an uns. Der Turmbau zu Babel erzählt von der Zerstreuung in die Verschiedenheit. Diese Vielfalt ist ein Geschenk. Sie verhindert, dass wir uns einen Turm bauen „with it‘s top in the sky“, mit dem Kopf in den Wolken. Wer den Kopf in den Wolken hat, sieht nichts. Der lebt nicht mit der Realität. Wir brauchen die Verschiedenheit. Das sagt auch Paulus im 1. Korintherbrief im 12. Kapitel. Wir sind ein Leib und VIELE Glieder, Hand und Fuß und Auge und Ohr. Viele VERSCHIEDENE Gaben und doch eins in Christus. Das ist entscheidend.

Nach dem Gottesdienst haben wir ein Treffen mit dem church council, dem Kirchengemeinderat, und anderen Gemeindegliedern. Gut 35- 40 sind geblieben, um nach dem Gottesdienst gemeinsam mit uns zu essen und über die Aufgaben der Gemeinde zu diskutieren. Denise Crews, Mitarbeiterin in der Stadtverwaltung Lancaster, leitet eine Diskussion über Aufgaben - „mission of our church“ - in der Gemeinde ein.

Sie bringt Impulse aus der Landeskirche für die Gemeinde ein: How to grow? Wie können wir wachsen? Was gehört zu unseren Aufgaben? Was tun wir? Was brauchen wir? Was sind unsere Stärken? Viele Stärken werden genannt: Exzellente Musik und Chorarbeit, guter Gottesdienst, aktive Arbeit, gut ausgebildete Mitarbeiterinnen, aktives Bibelstudium, zentrale Stadtlage, Offenheit zur Weiterentwicklung. Aber: Sind wir mit unserem Blick und unseren Aktionen zu sehr nach innen gerichtet? Als lutherische Christen sind wir nicht trainiert nach außen zu gehen, behauptet Denise.

Dann wird an den Tischen diskutiert. Elisabeth und ich reden mit einer sehr engagierten Lehrerin. Arbeiten mit „heimatlosen“  Kindern liegt ihr am Herzen. Vernachlässigte Kinder. Sherry King arbeitet mit ihnen. Hat lange Jahre im Gefängnis gearbeitet. Am Herzen liegt ihr: Einen sicheren Platz finden für diese Kinder, die ihren Eltern egal sind oder deren Eltern keine Zeit haben. Sherry ist bewegt von diesen Problemen. Wir brauchen ein Sommer Camp für diese Kinder - so ihre Idee. - Chorarbeit, gemeinsamer Garten, Sportereignisse, die Leute haben viele Ideen, was die Gemeinde machen könnte.

Aufeinander hören ist eine der wichtigen Aufgaben, sagt Jerry Young. Bibelstudium mit den Methodisten in St. Pauls, Camp der Jugendlichen in der methodistischen Kirche. Hier wird deutlich über Gemeindegrenzen hinausgedacht und -gelebt. Zusammenarbeiten, leben, denken. Da sind auch die Partnerschaften nach Deutschland oder Tansania wichtig. Was arbeitet bei euch, was nicht? Wir stehen vor denselben Herausforderungen in Deutschland wie in Ohio. Wir sind in einem Prozess, immer wieder. “Let the people surprise us!“, sagt Caris Williams. Ich frage nach. Die Menschen bringen viel Überraschendes mit, sagt sie. Da gewinnen wir alle. „Listening to the gospel and to be offended by the words of Jesus“. Pastorin Betsy Williams findet abschließend emotionale Worte für unsere global mission: „Hört auf die frohe Botschaft und lasst euch von den Worten Jesu angreifen!“

Am Nachmittag besuchen wir Newark Earthworks, the great circle. Eine mehr als 2.000 Jahre alte prähistorische Anlage der Urbevölkerung Amerikas, der Hopewell. Dieses Monument, das in seiner Ausdehnung über mehrere Meilen das Größte der Welt ist, war ein Platz für Kult, Treffen und astronomische Funktionen für die Hopewell. - Abends ... Essen, wie kann es anders sein. Chilli, Salat, Eis. Das letzte bei über 33 Grad im Schatten. Eine Wohltat.

17.08.2019 | Tag 6 | Newark

Auf dem Damm
von Martin Waack 

Es ist Samstag. Draußen sind 25 Grad, sehr komfortabel. Aber es soll heiß werden heute. Wir sind zu Gast bei Karen, Gemeindeglied in Epiphany Lutheran Church. Sie kennt sich aus mit Gästen aus Deutschland. Schon vor Jahren hatte sie Langzeitgäste aus Wittenburg, die in amerikanischer Diakonie (Gracework) und einem Krankenhaus ein Praktikum absolvierten. Frühstück mit Karen: Rührei, Toast, Früchte, Orangensaft, Kaffee. Typisches Frühstück in US. Karen erzählte uns über ihre Gemeindegruppe, die sich regelmäßig trifft. Ein Thema (Video, Buchvorstellung, ...) und gemeinsames Essen, manchmal zu Hause bei den Teilnehmern, manchmal im Restaurant. Social work. Man trifft sich eben, redet, ist nicht allein. Alleinsein ist ein Thema, nicht nur für Karen, die gerade umgezogen ist in ein Haus, in dem alles ebenerdig ist. Karen ist 83. Da lohnt diese Bequemlichkeit.

Um 9.10 Uhr starten wir Richtung Kirche. Treffen zum Farewell. Alfred und Heidi haben ein Geschenk für uns, ein hölzernes Schild in den Umrissen von Ohio mit Datum unseres Treffens. Wir werden uns erinnern.

Jetzt sind wir auf dem Interstate 71 unterwegs, Autobahn nach Norden, vorbei an Columbus, Ohios Hauptstadt, nach Newark. Newark St. Pauls Lutheran Church hat seit 9 Jahren eine Partnerschaft mit unserer Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Bartholomäus Wittenburg. Ein reger Austausch mit gegenseitigen Besuchen, Briefen, Emails, der uns alle bereichert. 2017 waren 27 Newarker in Wittenburg. Wir haben über Luther gearbeitet, Wittenberg besucht, einen Baum gegenüber dem Lutherhaus gepflanzt. Jetzt ist unsere Nordkirchen-Delegation auf dem Weg nach Newark. Wir sind gespannt.

Mittags kommen wir an bei unseren Gastgebern: Familie Freytag, gut verbunden mit Wittenburgs Gemeinde. Ein gemeinsames Essen am Buckeyelake. Wir treffen den ehemaligen Pastor der St. Pauls-Gemeinde, Bill Rauch, und einige Gemeindeglieder. Anschließend wandern wir über den Damm des Sees, gerade restauriert. Ein wunderschönes Naherholungsgebiet – zum Angeln, Boot fahren, Schwimmen, Wandern, Feiern, Sehen und Gesehen werden. Überall die amerikanische Flagge, lustige Sprüche an den Häusern und private Sitzbänke am See.

Danach ein ruhiger Abend mit Predigtvorbereitung. Tilman Jeremias und ich werden predigen, im Doppel... ein Dialog über die Verschiedenheit in der Welt.

16.08.2019 | Tag 5 | Dayton

Überraschungen in Dayton/Ohio
Von Tilman Jeremias

Wir spüren den Unterschied von der ersten Minute an. Bislang hatten wir Kontakte auf offizieller Ebene mit hoch interessanten Gesprächen in Chicago. Jetzt- nach sechs Stunden Autofahrt- kommen wir in Dayton/Ohio an. Und hier wartet eine Gemeinde, die seit 1985 Kontakte nach Mecklenburg pflegt.

Überaus herzlich begrüßt uns Pastor Charles Woodward, der hier seit sieben Jahren Dienst tut. Schon beim Dinner am Ende des langen Reisetags wird viel gelacht. Aber wir hören auch, dass ein Gemeindemitglied beim schrecklichen Amoklauf schwer verletzt wurde und im Krankenhaus liegt. Und wie schwer der Neuanfang war, 2010, nach der Spaltung der Gemeinde, als mehr als ein Drittel dem damaligen sehr konservativen Pastor folgte, heraus aus der Lutherischen Kirche Amerikas, weil es die Akzeptanz Homosexueller nicht ertragen konnte. Pastor Woodward erzählt uns, dass es zu Beginn seiner Amtszeit seine Hauptaufgabe war, wieder neues Vertrauen aufzubauen. Mittlerweile grüßt man sich wenigstens wieder auf der Straße.

Hier in Dayton sind diejenigen von uns, die das wünschen, auch privat untergebracht. Meine Riesen- Überraschung: Heidi und Alfred, meine Gastgeber aus der Generation meiner Eltern, sprechen beide fließend Deutsch und sind mit ihrer Geschichte keine Ausnahmen in Ohio. Heidi floh als Kind mit ihrer Familie aus Hinterpommern und fand Zuflucht in den USA. Alfred stammt aus Siebenbürgen, gelangte in jungen Jahren nach Salzburg und anschließend in die USA. Im Chor der deutschen Gemeinde von Detroit lernten sich beide kennen. Kein Wunder, dass so viele Nachnamen hier so deutsch klingen!

Am nächsten Morgen bestaunen wir die großzügigen Räume der Epiphany- Gemeinde in Dayton. In diesem modernen Bau werden sonntäglich ein traditioneller Gottesdienst und ein moderner Gottesdienst gefeiert, letzterer mit kompletter Band- die Pfarrfrau am Piano. Noch mehr allerdings fasziniert uns der Keller. Hier findet sich ein großes Lager mit zahlreichen Kleidungsstücken und sogar Nahrungsmitteln. Opfern des Tornados im Mai, aber auch Obdachlosen wird hier von Ehrenamtlichen unbürokratisch geholfen.

Draußen im wunderschönen Gelände findet sich nicht nur eine Open-Air-Kirche. Nebenan ist ein „Memorial“- Gelände, auf dem die Asche zahlreicher Gemeindeglieder verstreut oder begraben ist. Kein Friedhof wohlgemerkt, ein gewissermaßen privater Bestattungsort.

Ungewöhnlich auch die zweite Predigtstelle dieser Gemeinde: Vor der erst 2010 errichteten Kirche bestaunen wir nicht nur eine große Picknickterrasse, sondern auch einen kompletten Fußballplatz und vier Beachvolleyballfelder. Wie selbstverständlich geschieht Missionsarbeit, wenn das ganze Viertel kostenfrei Sport treibt auf dem Kirchengelände!

Prägend wird an diesem Tag aber vor allem die Begegnung mit Larry Hoffsis und seiner Frau Cindy. Larry war zwanzig Jahre lang Pastor hier. Bereits 1985 bekam er als einer der wenigen Pastoren aus den USA die Möglichkeit, in die DDR zu reisen. In Pritzier lernte er Hans Kasch kennen, den späteren Mecklenburgischen Ökumenepastor. Es entstand nicht nur eine feste persönliche Freundschaft, sondern auch eine langjährige Gemeindepartnerschaft. Gerade sind mehr als zwanzig Leute aus Vellahn/ Pritzier mit ihrem Pastor Christian Lange hier abgereist. In Hochzeiten gab es ca. zwanzig solcher Gemeindepartnerschaften von Mecklenburg zur South-Ohio-Synod. Vier von ihnen sind heute noch sehr lebendig. Neu gestartet wurde die Partnerschaft zwischen der Kirchengemeinde Warder in Schleswig-Holstein und der Gemeinde St. Luke in Columbus.

Spätestens beim herrlichen Abend auf der Terrasse im Hause der Woodwards bei American Food wird uns deutlich: Hier ist es leicht, Freunde zu finden. Aber auch ernste Gespräche zu führen über abnehmende Gemeindegliederzahlen, Populismus oder Klimawandel. Danke Dayton!


15.08.2019 | Tag 4 | Chicago/Dayton

Gerechtigkeit ist (D)ein Ruf!
Von Matthias Tuve

Wir sind unterwegs von Chicago nach Dayton. 512 km. 6 Stunden auf den Interstates (Autobahnen) 295, 65 und 70. Während Tilman Jeremias und Martin Waack sich beim Fahren abwechseln, denke ich zurück an unsere erste Station in Chicago.

Was will ich auf keinen Fall vergessen? Sieben Erinnerungen:

Wie Bischof Wayne Miller Gerechtigkeit definiert:“Everybody is called by god to be someone and to go somewhere and do something!” Jede, jeder ist von Gott gerufen, jemand zu sein, einen Weg zu gehen und etwas zu tun. Jeder und jede– das ist die Gerechtigkeit! Oder anders: Ich bin gerufen, zu sein! Und Du auch.

Wie eine junge Frau gestern sagt: „Für mich ist meine Freiwilligenzeit in Ungarn vor allem ein Test. Ich will mich selber testen. Will ich wirklich Pastorin werden – oder nicht?“ Und eine andere: „Wir wissen gar nicht genau, was uns in Serbien erwartet. Betet für uns!“ Alle lachen – und spüren zugleich, es ist auch ganz ernst gemeint! Eine große Freude: Diese jungen Leute haben alle ihren je eigenen Ruf gehört, begeistert, bang, neugierig, fragend…

Wie wir im Driehaus-Museum fassungslos hören, dass eine einzige klitzekleine Kachel von Tausenden im Raum fast den doppelten Tageslohn des Arbeiters kostete, der sie Ende des 19. Jahrhunderts in diesem prunkvollen Haus anbrachte. Und zugleich: welche Freude, dieses Haus so liebevoll (und teuer) restauriert und gewürdigt zu sehen! Nicht zuletzt durch die Ausstellung des britisch-nigerianischen Künstlers Yinka Shonibare.

Wie ich eines seiner Bilder lange betrachte. Ein Mann liegt im Bett und wird von vielen Menschen umsorgt und bedient. Vielleicht ist er krank… Das Besondere: Alle Menschen, die dienen, sind weiß. Und dienen dem Einzigen, der nicht weiß ist. Die „Gerechtigkeit“ dieser Welt einmal auf den Kopf gestellt…

Wie Driehaus im Haus an der gegenüberliegenden Straßenecke, genau so klein, fast genauso schön, sein Geld mit Aktiengeschäften verdient. Und wie er es ausgibt: 7 Millionen Dollar, um ein altes Haus zu kaufen. 30 Millionen Dollar, um es zu restaurieren. Viele weitere Millionen, um das Museum mit Originalen aus seiner Entstehungszeit ausstatten zu können. Alles, um sich selbst und allen, die das sehen können, eine Freude zu machen. Sein Ruf, dem er gerecht werden will.

Wie wir am Morgen vor unseren dienstlichen Terminen an die Küste fahren, um den schönsten Blick auf die Skyline, die Silhouette von Chicago zu genießen. Das höchste Gebäude über 400 m hoch, mit Säulen in der Erde gegründet, 50, 60 Meter tief. Durch Wasser, Schwemmsand und Schlamm reichen sie bis zu dem festen Boden darunter, der sogar solche unglaublich gewaltigen Gebäude tragen kann. Man sieht sie nicht, diese Säulen, aber ohne sie würde hier nichts gehen und nichts stehen.

Wie uns Professor Klein eine Jubiläumsmünze der ELCA zum 500. Jahrestag der Reformation zeigt. Sie erinnert an 1999 – an die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre durch die Lutherische und die Römisch-katholische Kirche. 482 Jahre war die Rechtfertigungslehre das Dokument und Fundament der Trennung. Seit 18 Jahren bezeugen wir, dass uns die Rechtfertigungskehre nicht trennt, sondern eint. Ein fröhlicher Martin Luther und ein genauso fröhlicher Papst Franziskus blicken auf den Betrachter. - Aber nun schauen Sie sich mal die Rückseite der Münze genau an. Da entdecke ich etwas ganz Verrücktes. Sie auch?


14.08.2019 | Tag 3 | Chicago

Theologiestudium in Chicago – und eine Idee!
Von Jörn Möller

Der zweite Tag unserer Reise galt zunächst Begegnungen an der Lutheran School of Theology at Chicago (LSTC). Das 1962 gegründete und in einer liberalen Tradition stehende Seminar hat gut 300 Studierende, die sich auf eine Arbeit als Pastor oder Pastorin vorbereiten. Anders als in Deutschland nehmen viele von ihnen das Studium nicht kurz nach dem Abitur auf, sondern haben schon einen andere Ausbildung oder Berufserfahrung, bevor sie sich für den Berufsweg in einer Kirchengemeinde entscheiden. Als Konsequenz daraus gibt es auch Online-Kurse und berufsbegleitende Angebote, da etliche Studierende in der Notwendigkeit stehen, weiterhin zu arbeiten um ihre Familie zu ernähren oder zumindest die in Amerika üblichen Studiengebühren aufbringen zu können.

Wir haben uns sehr gefreut, dass der Präsident der Hochschule, James Niemann, Dekanin Esther Menn sowie Prof. Klaus-Peter Adam, Prof. für Altes Testament, der den Kontakt hergestellt hatte, sich für uns Zeit nahmen und wir Gelegenheit zu einem intensiven Austausch hatten. Es wurde sehr schnell klar, dass sowohl in den USA als auch in Deutschland ein großes Interesse daran besteht, Studierenden aus dem jeweils anderen Land eine Begegnung mit theologischer Ausbildung und kirchlichem Leben zu ermöglichen, da es wie jedes Auslandsstudium eine große Bereicherung in der Ausbildung darstellt.

Leider wurde auch deutlich, dass es auf beiden Seiten Hindernisse und Bedingungen gibt, die ein Studium in den USA oder Deutschland schwierig machen. Die größte Herausforderung für amerikanische Studierende ist natürlich die deutsche Sprache, da es nur wenige englischsprachige Angebote gibt. Hinzu kommt die Notwendigkeit, ein Auslandsstudium zu finanzieren, für viele Amerikaner zusätzlich zum Lebensunterhalt.

Für deutsche Studierende sind die in den USA üblichen Studiengebühren ein Hindernis. Ein komplettes dreijähriges Grundstudium in den USA mit neun Trimestern kostest z. B. rund 18.500 US-$. Auch bei kürzeren Kursen geht es je nach Länge des Kurses schnell um namhafte Beträge. Natürlich gibt es viele Förderungsmöglichkeiten und Stipendien, auch dafür ist aber viel Initiative notwendig.

Dennoch bestand zwischen Gastgebern und Gästen der Konsens, einen Austausch und Auslandsstudien zu fördern, so gut wie möglich dafür zu werben und Förderungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Im Fokus können dabei zunächst vor allem auch kurze und berufsbegleitende (Sommer-)Kurse stehen, die nicht nur kostengünstiger sind, sondern sich auch als berufsbegleitende Fortbildung für Pastor*innen eignen. Sich einige Wochen in den USA mit der amerikanischen Predigtkultur auseinanderzusetzen und sie praktisch zu lernen, kann ja sehr spannend sein.

Unsere zweite Begegnung galt dem weltweiten Programm Young Adults in Global Mission (YAGM) der Evangelical Lutheran Church in America (ELCA). Ein Gruppe junger Erwachsener, die sich – im Fall der Gruppe, die wir trafen - auf einen Einsatz in Gemeinden und sozialen Einrichtungen vor allem in Ungarn und Serbien vorbereiten, erzählten von ihrer Motivation und ihren Aufgaben im fremden Land. Es war sehr spannend, interessant und berührend, ihnen zuzuhören. Anders als die Mehrheit in deutschen Freiwilligenprogrammen waren viele schon weiter im Ausbildungsweg und hatten sogar Berufsausbildung oder -erfahrung.

Zum Abschluss zeigte uns Prof. em. Ralph Klein die Sammlung rarer Bücher des Seminars. Es handelt sich dabei um Bibeln und Originale von Lutherschriften aus dem Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts. Es wurde spürbar, wie wichtig es für ein lutherisches Seminar ist, sich in der Pluralität der Religionen und Denominationen in den USA gewissermaßen ganz greifbar der eigenen Wurzeln und Traditionen zu versichern.

Zum Abschluss des Tages widmeten wir uns dann noch der Städtepartnerschaft Hamburg -Chicago, die 2019 ihr 25-jähriges Jubiläum feiert. Prof. Rolf Achilles, der Botschafter Hamburgs in Chicago, zeigte uns das Driehaus-Museum, die aufwendig und sehr liebevoll restaurierte Residenz eines reichen Bankiers in Chicago, die 1883 nach dem großen Brand von Chicago (1871) fertiggestellt wurde und eine Vielzahl von eindrucksvollen dekorativen Elementen und Tiffany-Objekten enthält. Abschließend vermittelte er uns bei einem Rundgang mit viel Insiderwissen noch einen faszinierenden Eindruck von Geschichte und Gegenwart Chicagos.


13.08.2019 | Tag 2 | Chicago

Vom Investmentbanker zum Bischof
Von Matthias Bohl

Es ist Morgen, der erste Tag nach der langen Reise hat begonnen, und wir fahren vom Hotel über den Interstate Highway 90 – übrigens mit fast 5000 km der längste der USA – ein ganz kurzes Stück zum Frühstück: bei Ellys an der Abfahrt N Cumberland Ave so richtig traditionell Pancakes, Butter und Ahornsirup, ein Ei und etwas Speck. Wir nutzen das Frühstück zur Vorbereitung auf das Gespräch im Office der Metropolitan Chicago Synod ELCA (MCS), sozusagen der Ev.-Luth. Landeskirche im Großraum Chicago. „Metropole“, - das verbindet die beiden Partnerstädte Chicago und Hamburg miteinander. Ideen für eine Weiterentwicklung der kirchlichen Partnerschaft (Companionship) zwischen Hamburg und Chicago wollen wir in die Nordkirche eintragen.

Während der Fahrt auf der I 90 zur W Dickens Ave erblicken wir die Skyline von Chicago im Morgendunst. Im Office der MCS, eingerichtet in einem alten Industriegebäude, empfangen uns kurz vor seinem Ruhestandsbeginn Bischof Wayne Miller (für mich ein herzliches Wiedersehen!) und Bishop-elect Yahiel Curry, der am 1. September seine 6-jährige Amtszeit beginnt. In der Vorstellungsrunde erzählen die beiden von ihrem Weg in das Pastoren- und Bischofsamt. Beide haben eine andere berufliche Vergangenheit und eine second- career-Ausbildung zum Pastor: Wayne Miller als Berufssänger und Ingenieur, Yehiel Curry als Psychologe, Direktor einer Arbeit mit african-american Jungen, als Investmentbanker und als Mission Developer. Wir merken, solche Biographien öffnen den Blick für ganz neue Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von Kirche in einer sich heftig verändernden Welt!

Die Hamburger Kontakte nach Chicago gibt es im Kontext der Begegnungsarbeit der ev. Wichernschule, der akademischen Verbindungen zwischen dem ev.-theologischen Fachbereich der Uni Hamburg, einzelner Gruppenbegegnungen seit 2004 und als Einzelkontakte. Wir erwägen, in Chicago und in der Nordkirche die Gemeinden anzuschreiben und zu selbständigen Gemeinde-Gemeinde-Kontakten einzuladen. Voneinander lernen im vergleichbaren sozial-kulturellen, säkularen Kontext lohnt sich! Wayne Miller erzählt, dass in der MCS viel Energie steckt in den Themen Soziales Handeln, Immigration, Umwelt, Rassismus und Gewalt. Diese Themen sind treibende Kräfte in der MCS! Dabei ist „Gerechtigkeit“ für sie als Lutheraner der zentrale Begriff, der den Rahmen der kirchlichen Arbeit bestimmt. Und auch die Frage, wie gute und wirkungsvolle kirchliche Arbeit mit viel weniger Geld getan werden kann, hat uns beschäftigt. Zwei Stunden Zeit für ein intensives Gespräch! Anschließend führt Bishop Miller uns zum Chicago-Lunch ins Pequod’s Pizza zu Fuß ganz in der Nähe.

Nächster Termin: 14.00 Uhr in der großen Abteilung Global Mission der ELCA. Rev. Rafael Malpica Padilla, associate executive director for the Evangelical Lutheran Church in America (ELCA) begrüßt uns. Mary B. Campbell, Program Director bei AMMPARO und Marie Anne Sliwinski, Program Director für Disaster Response and Sustainable Development (Katastrophenhilfe und nachhaltige Entwicklung) berichten über die lutherische Migrationsarbeit in den USA, - ...auf dem Weg zur einer „sanctuary church“, einer Kirche, die geflüchtete Menschen willkommen heißt und unterstützt: vor allem Menschen aus Guatemala, El Salvador und Mexiko, die Armut, Gewalt und Lebensbedrohung zu erleiden hatten. Mit dem Programm AMMPARO: “Accompanying Migrant Minors with Protection, Advocacy, Representation and Opportunities“ hat sich die ELCA der Herausforderung angenommen, geflüchtete Kinder und deren Familien zu begleiten. Die lutherische Kirche fordert ihre Mitglieder direkt auf, sich zu engagieren.

Wir und unsere amerikanischen Gesprächspartnerinnen lernen bei einer scheinbar vergleichbaren Migrationssituation viel über die unterschiedlichen historischen, rechtlichen, kulturellen und politischen Kontexte in Deutschland und in den USA. Der Wunsch, etwas gemeinsam zu tun, steht im Raum. Zum Abschied schenken wir unseren Gesprächspartnerinnen bronzene Segensengel für ihre Arbeit: „I give you an angel for the way“.

Abends machen wir uns mit der Blue Line, die über weite Strecken als Hochbahn über die Straßen Chicagos rattert, auf den Weg in die Innenstadt. Auf dem „Chicago Riverwalk“, direkt am Wasser, lassen wir uns einfangen von der Faszination einer wunderbaren Architektur, der Ästhetik der Hochhäuser, der Brücken und des smaragdgrünen Wassers. Uns umfängt eine heitere Atmosphäre und nach dem Dunkelwerden ein Lichtspiel, das die Glasfassaden und den Fluss golden glänzen lässt. Dann noch ein Snack zum Abendessen und ein kühles Chicago-Bier. Und wir fahren erfüllt und müde ins Hotel zurück.


12.08.2019 | Tag 1 | Chicago

Ankunft in Chicago O’Hare
Von Matthias Tuve

Von draußen dröhnt der Fluglärm noch durch die geschlossenen Fenster meines Hotelzimmers hindurch. Das „Westin O’Hare“ liegt nur wenige Meilen vom Flughafen Chicago O’Hare entfernt. Flugzeug auf Flugzeug landet dort oder steigt in die Luft im Minutentakt. Wie ein riesiges Wespennest, das nie zur Ruhe kommt. Vor ein paar Stunden sind auch wir angekommen, die Nordkirchendelegation, die ihre amerikanischen Partner in den nächsten zwei Wochen besucht.

Johanna Olson hat uns erwartet, zur Autovermietung begleitet und dann auch bis zum Hotel. Johanna arbeitet bei der ELCA (Ev. Lutherische Kirche in Amerika), die in Chicago ihren Hauptsitz hat. Sie gehört zum Department für Global Mission (Weltmission) – zum Bereich „Europa, Mittlerer Osten und Nordafrika.“ Wenn man das auch im wirklichen Leben so zusammenbringen könnte, das wäre doch nicht schlecht, denke ich. Gern vertrauen wir uns ihrer Führung an.

Als wir vom Parkplatz zum Hoteleingang gehen, steigert sich der Lärm schon wieder über unseren Köpfen. Fasziniert beobachte ich, wie ein Flugzeug das Hotel überfliegt. Dann folge ich den anderen in das Hotel. Es ist ein gewaltiger Block, 12 Etagen, endlos lange Flure; es wirkt wie eine Burg. Die ELCA hat unsere Zimmer gebucht, sie bekommt hier Rabatt. Ich schaue auf die die Uhr. Es ist erst kurz vor acht. Aber mit sieben Stunden Zeitverschiebung - In Deutschland schlägt die Uhr bald drei Uhr morgens. Wir müssen jetzt schlafen. Morgen beginnt unser Programm.

Reiseroute


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