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Erschütternde Zeitzeugen sind die Briefe jüdischer Einwohner Darguns in der Nazizeit

Von Gerald Gräfe

Die Briefschreiberin Ida Mitau – hier mit Ehemann Hugo und Tochter Fanny in einer Aufnahme von 1917.
05 08 2018 ǀ Dargun/Porto Alegre/New York.  Die Briefe einer jüdischen Familie aus Dargun an rechtzeitig nach Brasilien geflohene Verwandte sowie die Dokumentation über deren Suche nach dem Schicksal der in Deutschland zurückgebliebenen Verwandtschaft hat das Leo Baeck Institute in New York für jedermann einsehbar online gestellt.

„Die ‚Mistforke‘ hat uns in alle Länder zerstreut und weiß man nicht, ob man sich wieder sieht, und das ist ein schwerer Gedanke. Wen ich mit der Mistforke meine, könnt Ihr euch doch denken … Froh ist man, aus der alten Heimat entkommen zu sein, denn es wurde uns nachgerufen, eh’ wir wieder in den Krieg gehen, machen wir die Juden um die Ecke, und das Gesindel ist zu allem fähig, das haben wir mitgemacht.“ So steht in einem der Briefe, die zwischen 1938 und 1942 Ida und Berta Mitau aus dem mecklenburgischen Dargun an ihre nach Brasilien geflüchtete Tochter und ihre Nichte Fanny Wolff schickten. Ida und Berta Mitau schrieben bis zu ihrer Deportation in das Ghetto von Theresienstadt. Berta Mitau kam dort am 5. März 1943, Ida Mitau am 21. Februar 1944 ums Leben. Damit endete die jüdische Geschichte Darguns.

Begonnen hatte diese gut 200 Jahre vorher. 1734 wird Benjamin Seeligmann als erster bekannter Jude erwähnt. Weihnachten 1753 berechnete die auf dem Schloss residierende Prinzessin Augusta von Mecklenburg-Güstrow im Rahmen der Judenmission „vor den hiesigen gläubigen Juden 8 Thlr.“ als Spende. Die Prinzessin empfahl 1749 den Ratsherren von Penzlin, den Juden Simon Lewin als Kaufmann aufzunehmen. Die Lewins waren Tabakhändler und machten die Stadt zur „Tabakshochburg“. Dank solch hoheitlicher Förderung gedieh auch die jüdische Gemeinde von Dargun. 1760 gab es einen Betsaal. Zur mosaischen Gruppe müssen also mindestens zehn Männer gezählt haben. Ab 1823 erbauten sich die dann schon 45 Gemeindemitglieder ihre Synagoge nebst Unterrichts- und Wohnraum für den Lehrer. Der erste hieß Isaak Kronenberg und bezog 1825 das neue Gemeindezentrum mitten im Ort.

Darguns Juden beförderten das wirtschaftliche Leben der Gemeinde. So die Familie Mitau. 1761 wurde Abraham Hirsch im kurländischen Mitau (heute Jelgava/Lettland) geboren. 1813 war der Mann als Hausierhändler in Dargun ansässig und nannte sich Abraham Mitau. Sohn Abraham Mitau jun. wurde 1823 geboren. Dessen Sohn und Viehhändler Hugo Mitau ehelichte 1906 Ida Jacobsohn. Deren Tochter Fanny wurde 1907 geboren und heiratete 1937 Bernhard Wolff aus dem ostfriesischen Esens. Das Paar emigrierte 1938 nach Brasilien. Hugo Mitau verstarb 1938 und wurde als letzter Jude auf Darguns Friedhof im Wald beigesetzt. 1942 wurden seine Witwe Ida und seine Schwester Berta wie schon erwähnt nach Theresienstadt verschleppt.

Mindestens acht Opfer der Shoa aus Dargun

Neben den Mitaus kamen auch andere Darguner Juden in der Zeit des Nationalsozialismus ums Leben. Mindestens acht Opfer der Shoa sind bekannt. An sie erinnert – dank einiger Darguner – ein Gedenkstein vor der alten Synagoge. Zur Einweihung kam Besuch aus Brasilien: Dr. Claudio Henrique Wolff besuchte erstmals die Heimat seiner Mutter Fanny und der Großeltern Hugo und Ida Mitau. „Ich wusste, es ist wichtig für mich, aber dass es so rührend wird, das habe ich nicht erwartet“, fasste der 75-Jährige seine Eindrücke zusammen: „Das ist eine schreckliche Vergangenheit, die nicht zu vergessen ist, damit so etwas nie wieder vorkommt.“

Alte Unterlagen

Der Gast aus Brasilien brachte nicht nur Fotos und ein originales Betbuch aus der Darguner Synagoge mit zurück, sondern auch Neuigkeiten. Das Postkartenalbum seiner Großmutter Ida Mitau mit rund 400 Karten, welches Mutter Fanny Wolff nach Brasilien rettete, ist vom Leo Baeck Institute in New York für jedermann einsehbar online gestellt worden. Ebenso sind die jahrelangen Bemühungen der Wolff s nachzulesen. Sie forschten nach dem Verbleib ihrer Angehörigen. Dazu wandten sie sich an die Behörden der DDR und der BRD. So ist zu lesen, dass das Standesamt Dargun 1957 den Wolff s in Brasilien mitteilte, ihr Vater und Schwiegervater Hugo Mitau sei am 26. Juni 1938 um 8.30 Uhr verstorben.

In der in Deutsch und Hebräisch gehaltenen Hochzeitsurkunde von Fanny Mitau und Bernhard Wolff steht: „Im Jahre 5698 nach der Erschaffung der Welt“ , am 29. September 1937 „nach der gewöhnlichen Zeitrechnung“ vollzog sich der religiöse Trauungsakt der Eltern von Claudio Wolff . Der Bräutigam sprach auf Hebräisch die Formel „Sei mir angeheiligt durch diesen Ring nach dem Gesetze Moses und Israels“. Es war die letzte jüdische Hochzeit am Klostersee. Das Darguner Standesamt stellte darüber 1975 eine nagelneue Ehe-Urkunde aus – mit Hammer und Sichel im Ährenkranz auf Papier und im Siegel.

Im Internet nachlesbar

Auch die eingangs erwähnten Briefe sind im Internet abrufb ar. Fannys Cousine Senta fügte im Mai 1939 dem Brief der Ida Mitau hinzu: „Deine liebe Mutti ist so glücklich, sich bald bei ihren lieben Kindern zu sehen … Heute haben wir auf euren netten Brief hin einen sehr schönen und lustigen Spaziergang gemacht. Wir haben tüchtig marschiert und gesungen. Deine Mutti macht alles mit und macht oft mals so viel Witze, daß wir tüchtig lachen müssen.“

Weitere Zeitzeugen gesucht

Claudio Wolff sucht weiter nach Zeitzeugen, die mehr über die letzten Jahre seiner Großmutter in Dargun berichten können. Und er sucht nach möglichen Verbindungen in Waren an der Müritz. Dort arbeitete seine Mutter Fanny in der Buchhaltung eines Mühlen-Unternehmens. Gewohnt hat sie bei einer Deutschen namens Eva Jahn. Mit dieser freundete sie sich an. Und auch nach 1945 schrieben sich die beiden Frauen noch wieder. Vielleicht gibt es Nachfahren der Frau, die mehr wissen, hofft Claudio Wolff .
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 31/2018

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