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In Biestow gibt es regen Austausch zwischen Flüchtlingen und Kirchengemeinde

Der Ruf der Glocken

Von Marion Wulf-Nixdorf

Steckrüben-Eintopf kochten die Iranerinnen Azam Shazroozi, Marzieh Mahsoudi und Negin Dashtian mit Susann Draheim (4.v.l.). Stephan Koepke und Birgit Hakenberg (l.) von der Gemeinde Biestow.
09.02.2020 ǀ Rostock.  Mitten im Gebet kamen sie in den Gottesdienst: zwei dunkelhäutige Männer. Schon im nächsten Gottesdienst seien es fünf gewesen, bald 30, erinnern sich Mitglieder des Freundeskreises Flüchtlinge in Biestow. So fing alles an.

Die nicht deutsch sprechenden Männer, die an einem Sonntag im Oktober 2014 in der ersten Reihe im Gottesdienst in der Dorfkirche in Rostock Biestow saßen, kamen aus der nahegelegenen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge. Sie hätten Glocken gehört, erzählten sie später, und seien dem Klang gefolgt.

Es sei kalt gewesen, erinnern sich Pastorin Asja Garling und Birgit Hakenberg, Kirchenälteste und Leiterin des 2015 gegründeten Freundeskreises Flüchtlinge in der Kirchengemeinde Biestow. Schon beim ersten Besuch der jungen Männer aus Eritrea in ihren Plasteschuhen war deutlich, dass Hilfe nötig war. Seither wird nach jedem Gottesdienst zum Austausch eingeladen. Drei Mal im Monat heißt es „Begegnungskaffee“ und ein Mal im Monat „Großer Kirchenkaffee“.

Was vor nun fast sechs Jahren mit den Männern aus Eritrea begann, ist inzwischen ein breitgefächertes Angebot in der 1300 Mitglieder umfassenden Kirchengemeinde. Aber die Zahl 1300 sage wenig aus, meint Pastorin Garling. Tatsächlich gehörten zu einer Gemeinde doch alle, die die Kirche als ihre Heimat ansehen und am Gemeindeleben teilnehmen – darunter eben auch Menschen aus dem Iran, aus Syrien, Honduras und anderswo.

Das Wichtigste sei gewesen, dass den Menschen geholfen wurde, Deutsch zu lernen, denn Sprache sei der Schlüssel zum Zusammenwachsen. Die von staatlicher Seite angebotenen Kurse reichten nicht, und die Ehrenamtlichen schafften die Arbeit bald nicht mehr. Birgit Hakenberg, im Hauptberuf Religionslehrerin in Papendorf, schrieb an die Uni Rostock und bat um Unterstützung. Es sei ein Glücksfall gewesen, dass der in Biestow wohnende Germanist Stephan Koepke, 43, zur Verfügung stand. Zuerst auf Honorarbasis. Inzwischen ist er zu 100 Prozent als Koordinator für Flüchtlingsarbeit mit Schwerpunkt Deutschförderung in der Kirchengemeinde tätig. Die befristete Finanzierung hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge übernommen.

Aber nicht nur Hilfe beim Deutschlernen bietet Stephan Koepke an. Er versucht, bei Behördengängen zu helfen, wenn es um fehlende Papiere geht, den Aufenthaltsstatus oder Wohnungssuche. Ein großes Problem sei die Verarbeitung der Traumata, die Trauer um zurückgelassene oder auf der Flucht ertrunkene Familienmitglieder, die Einsamkeit. Gemeinsam mit der Innenstadtgemeinde und der Gemeinde Toitenwinkel müssen auch manchmal Menschen im Kirchenasyl geschützt werden. Bei den finanziellen Lasten helfen alle Rostocker Kirchengemeinden, ist Pastorin Garling dankbar.

Um die Geflüchteten zu integrieren, werden sie zum Nähkurs eingeladen, zum Kochkurs, in die Fahrrad- und Instrumentenwerkstatt. Es gibt Hilfe bei der Fahrschule in Tigrinya, der Sprache der Eritreer. Studenten laden zum Gitarrenunterricht und zum Mathekurs ein und einiges mehr.

Die Angebote sind offen für alle Interessierten, betont Pastorin Garling, denn sie ermöglichen persönliche Kontakte.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 06/2020

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