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Zur WM ein Rückblick: Aufstieg und Fall des Fußballers Sebastian Deisler

Star mit verwundbarer Seele

Von Thomas Schleiff

Sebastian Deisler
28.06.2018 ǀ Hamburg.  Sebastian Deisler wurde Opfer eines widerlichen Systems, das er jedoch mitgetragen hat, meint Thomas Schleiff – und stellt eine gewagte Forderung auf.

Wenn man im Alter von 27 Jahren als zigfacher Millionär in den Ruhestand gehen kann – ist man dann ein gemachter oder gescheiterter Mann? Bei dem Fußballstar Sebastian Deisler hat man es allgemein so verstanden, dass er ein gescheiterter Mann war. Und das stimmt wohl auch irgendwie. Aber das Scheitern kann ja auch seine guten Seiten haben. So schreibt Paulus: „Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet“ (Philipperbrief 3, 7).

2007 beendete Deisler seine Karriere. Die hatte ihn bis ganz nach oben gebracht: Bayern München, Nationalmannschaft, lange Zeit der Fußballliebling der Nation: Basti Fantasti. Nach hartnäckigen Verletzungen trat er mit schweren Depressionen als gebrochener Mensch ab. Der Fall hat Deutschland fasziniert. Die über Deisler geschriebene Biografie wurde ein Bestseller. Sein Scheitern interessiert uns. Denn scheitern können wir alle. Außerdem ist uns der Gescheiterte angenehmer als der Erfolgsmensch. Der Erfolg der anderen stellt uns in den Schatten. Das Scheitern der anderen hat etwas Tröstliches.

Deislers Scheitern hatte verschiedene Gründe und Anlässe. Er war ein hochbegabter Fußballer – und entsprechend hoch waren die Erwartungen. Diesen Erwartungen wollte er gerecht werden. Der deutsche Fußball war zu Deislers Zeiten erfolglos und mittelmäßig. Deisler wurde zur Hoffnungsgestalt. Deisler dazu später: „Man sah mich als Retter des deutschen Fußballs an. Und dieser Retter wollte ich auch sein.“ Deisler stand unter Druck. Dazu hat auch beigetragen, dass er der bestbezahlte Profi bei Bayern München war. Bei der Verpflichtung erhielt er ein Handgeld von 20 Millionen Euro, eine neue Rekordsumme in der Bundesliga. Er wollte unbedingt beweisen, dass er sein Geld wert war.

Als ihm das, vor allem verletzungsbedingt, nicht immer gelang, bekam er Schuldgefühle. Leistungsdruck, Versagensangst – da braute sich bei einem sehr empfindlichen jungen Mann etwas zusammen. Eine gewisse Veranlagung zur Depression war wohl auch vorhanden. Und so fällt er in das dunkle Loch: „Man kann sich nicht mehr freuen, über gar nichts, man kann nicht mehr lieben – auch sich selbst nicht. Ich war nur noch niedergeschlagen.“ Und an anderer Stelle eines Interviews sagt er: „Ich kam mir so lächerlich vor. Ich war doch oben angekommen, und vor der Tür stand ein Mercedes. Aber das alles hat mich nicht glücklich gemacht … Ich war todunglücklich.“

Deislers Erkenntnis erinnert an Worte Jesu

Bei diesen Sätzen von Deisler kann man an das Wort Jesu denken: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ (Matthäus 16, 26) Das hat Deisler gemerkt: Es hat etwas mit meiner Seele zu tun. Wörtlich: „Für mich als Fußballer war das Eingeständnis, depressiv zu sein, eine bittere Erkenntnis. Aber für mich als Menschen sah ich darin eine echte Chance zum Neuanfang. Ich betrachtete die Depression damals als eine Reinigung der Seele.“ Die 20 Millionen Handgeld haben eine große Rolle gespielt. Sie haben Deisler Sympathien gekostet und unter Druck gesetzt. Ich möchte an diese 20 Millionen drei Überlegungen anschließen: eine alltäglich-normale, eine christliche und eine revolutionäre.

1. Die alltäglich-normale Überlegung. Eigentlich wäre es doch ganz normal, Deisler hätte den Bayern gesagt: „Jungs, das ist doch Quatsch, nun bleibt mal auf dem Teppich. Fünf Millionen tun’s doch auch. Und stattdessen zwei Tage frei in der Woche.“ Normal wäre das – aber nicht innerhalb der zwanghaften Logik der Hochleistungsgesellschaft. Da ist das Normale nämlich lächerlich.

2. Die christliche Überlegung. 20 Millionen Euro! Deisler soll damals, mit einer gewissen Ironie, gesagt haben: „Ich hätte für mich keine 20 Millionen Euro bezahlt.“ Wie wäre es mit der Einsicht, dass ein Mensch ohnehin nicht bezahlbar, sondern vor Gott und für Gott unbezahlbar ist: „Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi“ (1. Petrusbrief 1, 18). Das ist die Rechtfertigungslehre: Der Mensch wird nicht gerecht durch seine guten Werke, nicht einmal durchs Toreschießen. Vielleicht hilft diese Gewissheit sogar gegen Depressionen.

3. Die revolutionäre Überlegung. 20 Millionen Euro! Und heute sind noch höhere Summen im Spiel. Deisler, letzten Endes ein Opfer des Systems, hat das System eine Weile mitgetragen. Und dieses System ist deswegen so widerlich, weil es unsere Gesellschaft widerspiegelt. Bertolt Brecht hat gesagt: „Stellt euch vor, es ist Krieg – und keiner geht hin.“ Ich schlage vor: „Stellt euch vor, morgen sind Fußballweltmeisterschaften – und keiner stellt den Fernseher an.“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 25/2018

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