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Arbeit mit Frauen in den Kirchenkreisen Mecklenburg und Pommern

Andacht


„…ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (Joh 14,19)

Einige unserer Kirchengemeinden unterhalten seit mehreren Jahren enge Partnerschaftsbeziehungen nach Tansania/Afrika. Der Bereich Ökumene im Zentrum Kirchlicher Dienste Rostock besucht regelmäßig die Partner-Diözesen in Tansania.
Neben diesem großen Land liegt das kleine Ruanda, das im April an den Völkermord vor 25 erinnert. Die unbeschreibliche Gewalt machte selbst vor Gotteshäusern nicht Halt, die am Sonntag zum Gottesdienst gefüllt waren. „Oh Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn“, dieses Passionslied, mit dem Paul Gerhard das Leiden Jesu hinsehend in Worte fasste, war für viele Menschen Rouandas vor 25 Jahren tägliches Erleben. Es zeigt, was Menschen Menschen antun können. Aus Ruanda sind damals viele Frauen, Kinder und Männer vor der unvorstellbaren Gewalt auch ins Nachbarland Tansania geflohen.

Heute boomt Ruanda wirtschaftlich. „Der Fortschritt ist weiblich“, betitelte der Deutschlandfunk Kultur am 27. November 2018 einen Hör-Beitrag. 60% der Abgeordneten im Parlament sind weiblich. Das hat Ruanda auf Platz 5 in Sachen Gleichstellung weltweit gebracht. Diesen Platz hatte 2006 noch Deutschland  inne, heute Platz 12.
Doch eine Gruppe von Frauen hat bis heute an dieser Entwicklung keinen oder nur geringen Anteil, die vergewaltigten Frauen von damals, die dabei schwanger wurden und Kinder bekamen. Besonders schwer ist ihre Situation heute, wenn sie damals mit Aids infiziert wurden und alleinerziehend auf dem immer noch armen Land leben.

„…ich lebe und ihr sollt auch leben.“

„Ich wollte mich umzubringen“, so eine dieser Frauen heute über ihre damalige Erfahrung.  
Sie und viele Frauen mit ihr entschieden sich für das Leben und für das Kind. Während der Geburt durchlebten sie zusätzlich extreme Gefühle: „Ich war unentschlossen, ob ich das Kind annehmen oder ablehnen sollte. Aber das Gewissen hat mich dazu gedrängt, das Kind wie meine normale Tochter zu erziehen.“ Reichte das aus, um die Tochter zu lieben? Viele dieser Töchter erfuhren nichts über ihre Entstehung, fühlten sich nicht angenommen und wussten nicht, warum.

„…ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Wie kann der Ort, an denen diesen Frauen mit Gewalt die Würde genommen wurde,  zu einem Ort werden, an dem ihnen ein Stück diese Würde zurückgegeben wird?
Genau das hat der Berliner Fotograf Olaf Heine mit seinem Fotobuch „Rwandan Dauthers“ getan. Er ist mit den Müttern und ihren jetzt erwachsenen Töchtern an die Orte der Vergewaltigung zurückgekehrt und hat sie dort fotografiert.
Ich bewundere den Mut der Mütter, sich darauf eingelassen zu haben.

Die Bilder zeigen aufrechte Mütter.  Mit erhobenem Blick schauen sie den Betrachter an. Sie schauen nicht mehr weg und verkrümmen sich nicht mehr. Sie wenden sich dem Leben zu.

Aufrecht.stehen.bleiben – ein Anfang
Das war 2015-2017 das Jahresthema des Frauenwerkes der Nordkirche.
Daran erinnere ich mich, wenn ich mir die Bilder anschaue.

Die Fotos zeigen aber auch etwas von der Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Da ist die Distanz, die nicht überwunden werden konnte. Da ist die liebende Zuwendung der Tochter zur Mutter, die nicht von Herzen angenommen werden kann. Und da ist die Mutter, die ihrer Tochter gegenüber Liebe zeigen kann trotz der Vergangenheit.
Erst im Zusammenhang mit dem Fotoprojekt erfuhren die beteiligten Töchter von dieser Geschichte ihrer Mütter. Was bedeutet das für die Gestaltung der zukünftigen Beziehung zueinander?
Eine Mutter sagte es so: „Ich sage nicht: Ich sehe mich Herausforderungen ausgesetzt. Ich sage es so: Ich sehe Chancen.“

Auch das ist Ostern.
Auch das ist Auferstehung.

 „…ich lebe und ihr sollt auch leben.“

Amen.

Anmerkung:
Die Bilder (© Olaf Heine) wurden mir freundlicherweise von der christlichen Hilfsorganisation „ora Kinderhilfe“ zur Verfügung gestellt.

Christine Ziehe-Pfennigsdorf


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